Welt Am | Sonntag, 18. April 2010


Die etwas andere Schlösser-Tour

Ein Hotelier im Loiretal vermietet alte Citroën 2CV. Die Ausflüge mit den Enten sind auch kleine Fluchten – zurück in die Zeit, als noch niemand wusste, was CO2 ist

Von Dirk Engelhardt

Okay. Dass eine Ente mit 25 Jahren auf dem Buckel nicht sofort anspringt, ist dem durchschnittlichen Autofahrer schon bewusst. Der Citroën 2CV – „Dö-Schevoo“ gesprochen –, der hier vor dem „Hôtel Saint Cyr“ parkt, stellt sich jedenfalls stur. Ich soll den Choke ganz herausziehen, rät mir Aurore. Sie weist die Mietkunden im Auftrag des Hotels, das mitten im Schlössertal der Loire liegt, ins Entenfahren ein. Doch auch mit Choke will das Gefährt nicht anspringen. Ich gebe auf, Aurore setzt sich ans Steuer, tritt das Gaspedal beim Anlassen herzhaft bis zum Anschlag durch – und die Ente schnattert los.

Doch ich will ja selbst fahren, das ist schließlich das gebuchte Abenteuer: mit der Ente durch das Loiretal der Schlösser, eine Expedition ins Frankreich der 70er-Jahre. Nachdem ich Handbremse und Gangschaltung unterschieden habe – die liegen nebeneinander und sehen sich sehr ähnlich –, versuche ich, den ersten Gang zu finden. Die Enten-typische Hebelschaltung bedarf ebenfalls einiger Übung. Doch dank Aurore und ihrer geduldigen Erklärungen habe ich auch diese Hürde geschafft. Los geht’s.

Das Hotel mit der Entenvermietung ist in Frankreich bislang einmalig. Monsieur Desbois hatte die Idee vor gut einem Jahr, als die ganzen Gedenkartikel zum 60. Geburtstag des Kultautos erschienen. Der rührige Hotelchef aus La Ferté- Saint-Cyr in der Provinz hatte den richtigen Riecher: Obwohl er keine Werbung für die Hotel-Enten macht (sie sind ausschließlich den Hotelgästen vorbehalten), sind die Gefährte meist auf Achse.

Viele Franzosen buchen die Ente (275 Euro für drei Tage inkl. zwei Übernachtungen), weil sie Kindheitserinnerungen auffrischen wollten, wird Monsieur Desbois später beim Abendessen erzählen. Auch bei mir sind es Kindheitserinnerungen: Meine Eltern kauften vor rund 35 Jahren eine himmelblaue Ente, mit der sie mich ab und zu zur Schule fuhren. Genau erinnere ich mich, wie mein Vater jedem entgegenkommenden Entenfahrer – und davon gab es in den Siebzigern einige – das Victoryzeichen darbot. Ich schließe nicht aus, dass er diesem Grund den vorherigen Renault R16 gegen die Ente eingetauscht hat. Vielleicht war auch das nette Rolldach daran schuld.

Jetzt steht der Dö-Schevoo nach 14 Kilometer Fahrt vom Hotel aus in südwestlicher Richtung auf dem Parkplatz des Schlosses Chambord. Beim Schließen der Fahrertür klappt praktischerweise auch gleich noch das offen stehende Kippfenster des Beifahrers herunter. Abschließen lässt sich die Ente nicht mehr, doch die Türschlösser bei einem 2CV sind meist nicht viel mehr als eine Attrappe. Die Wertsachen sollte man sowieso nie auf einem Parkplatz im Auto lassen.

Zeit für ein Pique-Nique im riesigen Schlosspark. Dafür hat Monsieur Desbois einen Korb gepackt mit Baguette, Käse, Kartoffelsalat, Rilettes, Honigkuchen und Joghurt. Nur statt des Rotweines, der eigentlich bei einem Picknick nicht fehlen dürfte, gibt es Wasser. Die Polizeikontrollen sind streng, und außerdem sind die Enten zu schade für einen Unfall. Zwischen 5000 und 15 000 Euro kosten sie, sagt Monsieur Desbois, und sie seien immer schwerer aufzutreiben.

Für den Nachmittag steht das kleine Schlösschen Villesavin auf dem Programm. Dass bei der Fahrt dorthin die Scheibenwischer mitten auf der minimalistischen Frontscheibe stehen bleiben: nicht so schlimm. Aber die Heizung! Unabhängig von den Außentemperaturen bläst sie mit Volldampf in Nackenhöhe und lässt sich nicht abschalten. Ein altes Entenproblem.

Doch als Pierre-Jules Boulanger, damaliger Chef von Citroën, 1934 den Auftrag erteilte, einen minimalistischen Kleinwagen zu bauen, wird er unmöglich an Klimatisierungen gedacht haben. Ohnehin sollte es noch bis 1949 dauern, bevor aus den ersten Prototypen der 2CV wurde. „Entwerfen Sie ein Auto, das Platz für zwei Bauern in Stiefeln und einen Zentner Kartoffeln oder ein Fässchen Wein bietet, mindestens Tempo 60 fährt und dabei nur drei Liter Benzin auf 100 Kilometer verbraucht“, soll Boulanger angeordnet haben.

Das sind Rahmenbedingungen, unter denen man sich die Ente heute noch als gemütlichen Hotel- Dienstwagen vorstellen kann. Madame Desbois ist eine vorzügliche Köchin, die von der Foie gras bis zur Lammkeule alles frisch zubereitet. Und die jeweiligen Erzeugnisse kommen aus der Region an den Ufern der Loire. Solche Einkäufe könnte man tatsächlich gut mit dem 2CV erledigen. Immer vorausgesetzt, dass er sich starten lässt.