Die etwas andere Schlösser-Tour
Ein Hotelier im Loiretal vermietet alte
Citroën 2CV. Die Ausflüge mit den Enten
sind auch kleine Fluchten – zurück in die
Zeit, als noch niemand wusste, was CO2 ist
Von Dirk Engelhardt
Okay. Dass eine Ente mit 25 Jahren
auf dem Buckel nicht sofort anspringt,
ist dem durchschnittlichen
Autofahrer schon bewusst. Der Citroën
2CV – „Dö-Schevoo“ gesprochen
–, der hier vor dem „Hôtel
Saint Cyr“ parkt, stellt sich jedenfalls
stur. Ich soll den Choke ganz
herausziehen, rät mir Aurore. Sie
weist die Mietkunden im Auftrag
des Hotels, das mitten im Schlössertal
der Loire liegt, ins Entenfahren
ein. Doch auch mit Choke will
das Gefährt nicht anspringen. Ich
gebe auf, Aurore setzt sich ans Steuer,
tritt das Gaspedal beim Anlassen
herzhaft bis zum Anschlag
durch – und die Ente schnattert los.
Doch ich will ja selbst fahren, das
ist schließlich das gebuchte Abenteuer:
mit der Ente durch das
Loiretal der Schlösser, eine Expedition
ins Frankreich der 70er-Jahre.
Nachdem ich Handbremse und
Gangschaltung unterschieden habe
– die liegen nebeneinander und sehen
sich sehr ähnlich –, versuche
ich, den ersten Gang zu finden. Die
Enten-typische Hebelschaltung bedarf
ebenfalls einiger Übung. Doch
dank Aurore und ihrer geduldigen
Erklärungen habe ich auch diese
Hürde geschafft. Los geht’s.
Das Hotel mit der Entenvermietung
ist in Frankreich bislang einmalig.
Monsieur Desbois hatte die
Idee vor gut einem Jahr, als die ganzen
Gedenkartikel zum 60. Geburtstag
des Kultautos erschienen.
Der rührige Hotelchef aus La Ferté-
Saint-Cyr in der Provinz hatte den
richtigen Riecher: Obwohl er keine
Werbung für die Hotel-Enten
macht (sie sind ausschließlich den
Hotelgästen vorbehalten), sind die
Gefährte meist auf Achse.
Viele Franzosen buchen die Ente
(275 Euro für drei Tage inkl. zwei
Übernachtungen), weil sie Kindheitserinnerungen
auffrischen
wollten, wird Monsieur Desbois
später beim Abendessen erzählen.
Auch bei mir sind es Kindheitserinnerungen:
Meine Eltern kauften
vor rund 35 Jahren eine himmelblaue
Ente, mit der sie mich ab und
zu zur Schule fuhren. Genau erinnere
ich mich, wie mein Vater jedem
entgegenkommenden Entenfahrer
– und davon gab es in den Siebzigern
einige – das Victoryzeichen
darbot. Ich schließe nicht aus, dass
er diesem Grund den vorherigen
Renault R16 gegen die Ente eingetauscht
hat. Vielleicht war auch das
nette Rolldach daran schuld.
Jetzt steht der Dö-Schevoo nach
14 Kilometer Fahrt vom Hotel aus
in südwestlicher Richtung auf dem
Parkplatz des Schlosses Chambord.
Beim Schließen der Fahrertür
klappt praktischerweise auch
gleich noch das offen stehende
Kippfenster des Beifahrers herunter.
Abschließen lässt sich die Ente
nicht mehr, doch die Türschlösser
bei einem 2CV sind meist nicht viel
mehr als eine Attrappe. Die Wertsachen
sollte man sowieso nie auf
einem Parkplatz im Auto lassen.
Zeit für ein Pique-Nique im riesigen
Schlosspark. Dafür hat Monsieur
Desbois einen Korb gepackt mit
Baguette, Käse, Kartoffelsalat, Rilettes,
Honigkuchen und Joghurt.
Nur statt des Rotweines, der eigentlich
bei einem Picknick nicht
fehlen dürfte, gibt es Wasser. Die
Polizeikontrollen sind streng, und
außerdem sind die Enten zu schade
für einen Unfall. Zwischen 5000
und 15 000 Euro kosten sie, sagt
Monsieur Desbois, und sie seien
immer schwerer aufzutreiben.
Für den Nachmittag steht das
kleine Schlösschen Villesavin auf
dem Programm. Dass bei der Fahrt
dorthin die Scheibenwischer mitten
auf der minimalistischen Frontscheibe
stehen bleiben: nicht so
schlimm. Aber die Heizung! Unabhängig
von den Außentemperaturen
bläst sie mit Volldampf in Nackenhöhe
und lässt sich nicht abschalten.
Ein altes Entenproblem.
Doch als Pierre-Jules Boulanger,
damaliger Chef von Citroën, 1934
den Auftrag erteilte, einen minimalistischen
Kleinwagen zu bauen,
wird er unmöglich an Klimatisierungen
gedacht haben. Ohnehin
sollte es noch bis 1949 dauern, bevor
aus den ersten Prototypen der
2CV wurde. „Entwerfen Sie ein Auto,
das Platz für zwei Bauern in
Stiefeln und einen Zentner Kartoffeln
oder ein Fässchen Wein bietet,
mindestens Tempo 60 fährt und dabei
nur drei Liter Benzin auf 100 Kilometer
verbraucht“, soll Boulanger
angeordnet haben.
Das sind Rahmenbedingungen,
unter denen man sich die Ente heute
noch als gemütlichen Hotel-
Dienstwagen vorstellen kann. Madame
Desbois ist eine vorzügliche
Köchin, die von der Foie gras bis
zur Lammkeule alles frisch zubereitet.
Und die jeweiligen Erzeugnisse
kommen aus der Region an den
Ufern der Loire. Solche Einkäufe
könnte man tatsächlich gut mit dem
2CV erledigen. Immer vorausgesetzt,
dass er sich starten lässt.
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