Am stillen Rand der türkischen Riviera
Die Türkei, die klassische Destination für Billig- Ferien, hat nur noch wenige Ecken, wo sich der Massentourismus noch nicht durchgesetzt hat. Die Bucht vonn
Von Dirk Engelhardt (Text und Bilder)
«Vor 20 Jahren, als der Club hier entstand,
waren in der Bucht von Fetiye
nur ein Dutzend Lichter zu sehen»,
erzählt Adella, die im Club «Letoonia
» arbeitet. Heute bietet sich dem
Spaziergänger, der den Uferweg der
Halbinsel entlangspaziert, ein wahres
Lichtermeer. Trotzdem ist der Ort für
Ferien in der Türkei zu empfehlen.
Denn anders als an der türkischen
Riviera, wo in den letzten 20 Jahren
eine unüberschaubare Zahl riesiger
Hotelanlagen entstand, dominieren in
Fetiye kleine Pensionen; daneben gibt
es ganze drei Clubanlagen. Eine davon
ist der Club «Letoonia», der für
seine Architektur im Stil traditioneller
türkischer Dorfhäuser einen Architekturpreis
gewonnen hat. Und obwohl
der Club, wie die meisten türkischen
Clubs, auf «all inclusive» umgestellt
hat, verliert sich der sonst übliche
Rummel, weil die Anlage auf der
Halbinsel sehr weitläufig, hügelig und
bewaldet ist. Eine Duftorgie ist der
abendliche Spaziergang auf den Alleen,
die von üppigem, rosa Oleander
und lila und weissen Bougainvilleen
gesäumt sind.
Die Gäste kommen vor allem aus
Deutschland, Russland, England und
dem Libanon. Israelis buchten den
Club bis vor einigen Jahren auch sehr
gerne, doch mittlerweile erlaubt das
Management keine israelischen Gäste
mehr. «Die haben sich zu sehr mit den
Libanesen bekriegt, und oft mussten
wir morgens die jeweiligen Flaggen
der Länder aus den Pools fischen»;
Adella verdreht die Augen, als sie davon
berichtet. Für den Ferien-Kleinkrieg
gibt es jetzt zwei würdige Nachfolgegenerationen:
nämlich die Russen
(meistgehörter Kommentar: «Die
sind ja überall!») und die Deutschen.
Auch jetzt landen wieder Flaggen im
Swimmingpool, und es gibt entsprechende
Kommentare auf den Bewertungsseiten
im Internet.
Stille Ecken und Buchten
Wer sich demTreiben an der «Agora»,
so nennt sich der Hauptplatz der Anlage,
entziehen will, findet genügend
stille Ecken und Buchten, die oft mit
Hängematten oder wippenden Liegen
ausgestattet sind. Auch Restaurants
mit 500 Tischen, keine Seltenheit in
den Mega-Hotels an der türkischen
Riviera, finden sich hier nicht. Dafür
wartet das Resort mit Sushi-Restaurant,
Fisch-Restaurant und einem türkischen
Restaurant auf. Die Disco
liegt in einem «Tempel» direkt an der
Spitze der Halbinsel und ist täglich ab
23.30 Uhr geöffnet. Das Spa macht
zwar einen gediegenen Eindruck – der
Hamam ist, wie es sich gehört, ganz
aus Marmor – doch die Massagen lassen
Professionalität vermissen.
Die wahre Türkei findet ausserhalb
der Mauern des Resorts statt.Wirklich
entspannte türkische Gastronomie
kann man im Restaurant «Yakapark»
in Tlos erleben, rund 45 Kilometer
von Fetiye entfernt. Das Open-Air-
Restaurant ist unterhalb eines dichten
Ahornwaldes gelegen. Zwischen den
mächtigen Baumriesen, zumTeil auch
aus Astlöchern, sprudelt und plätschert
es an allen Ecken. Der Betreiber
hat einenWildbach so umgeleitet,
dass eine richtiggehende Wasserfall-
Parklandschaft entstand, auf osmanische
Art mit einfachen Mitteln improvisiert.
Im Hochsommer ist das Restaurant
eine echte Kälte-Oase – man
sitzt im Schneidersitz auf dicken Kissen
und lässt sich von feinen Wassernebeln
kühlen. An den niedrigen Tischen
wird die Spezialität des Hauses
serviert: Forellen vom Grill. Der restauranteigene
Teich liefert die frische
Ware.
Das Restaurant ist auch der Geheimtipp
der Deutschen Susanne
Gottbrecht, die seit 15 Jahren in Fetiye
lebt. Gottbrecht ist Freiluftfanatikerin,
wie sie selbst gesteht, und das
war auch ihr Grund, in dieTürkei auszuwandern.
«Ich habe die ganze Türkei
gesehen, doch die Gegend um
Fetiye ist eindeutig die schönste», erzählt
sie glaubhaft. Unsere Reisegruppe
führt sie als Erstes auf einen Hügel
oberhalb der Stadt, zu den antiken
Königsgräbern. Sie stammen aus der
Zeit, als hier das antike Termessos erbaut
wurde.Auf Jahreszahlen will sich
Gottbrecht aber nicht festlegen: Mit
historischen Daten sei das in der Türkei
so eine Sache. Da stehen in jedem
Reiseführer und jedem Geschichtsband
andere Zahlen, und am Ende sei
man komplett verwirrt.Auch heutzutage
können vieleTürken nicht mal ihren
Geburtstag feiern, weil sie ihr Geburtsdatum
nicht wissen. Geburtsurkunden
wurden erst vor kurzem eingeführt,
und auch nur in den grösseren
Städten. Deshalb vermeidet Gottbrecht
bei ihren Erklärungen jegliche
historische Zahlen. Interessanter als
die Zahlen wären sowieso die Geschichten
und Geschichtchen, die sich
um die antiken Orte rankten.
Islamische
Sitzordnung
Einige erstaunte Gesichter gibt es, als
sie im Bus von den türkischen Sitten
zur Sitzordnung in öffentlichen Bussen
zu erzählen beginnt. «Ein fremder
Mann darf im Bus nicht neben einer
Frau sitzen», sagt Gottbrecht, und
scheint sich mit dieser Regelung abgefunden
zu haben. Wenn ein Bus fünf
freie Plätze neben Frauen hat und ein
Mann mitfahren will, wird dieser
nicht mitgenommen. Die Türkei sei
schliesslich ein islamisch geprägtes
Land, wenn auch immer weniger Bürger
die Gebetszeiten und Fastenzeit
einhalten, wie sie sagt.
Auch mit dem Handeln ist es nicht
mehr weit her, jedenfalls nicht auf
dem Basar von Fetiye. Ein normales
T-Shirt soll 14 Euro kosten. Als ich
acht Euro vorschlage, erwidert der
Händler barsch auf Deutsch, ob ich
wohl zu viel RTL 2 gesehen hätte. Für
weniger als 13 Euro gibt der Händler
das Hemd nicht her. Ein echter Meerschwamm
zumWaschen wird vor dem
Verkauf gewogen. Auch er soll satte
13 Euro kosten. «Der Chef ist gerade
nicht da, ich kann ihn dir für elf Euro
geben», flüstert mir der Händler verschwörerisch
zu. Als ich abwinke, ist
die Handelslust schnell gestorben.
Dafür entschädigen die Restaurants,
die sich um den kleinen Fischmarkt
des Hafenortes gruppieren. «Sie kaufen,
wir kochen», steht auf einerTafel.
Man sucht sich also eine fangfrische
Goldbrasse oder eine Dorade aus,
und für fünf Euro bereitet das Restaurant
daraus ein Mittagessen mit Beilagen
und Getränken.
Teppichschau
gibts auch ohne
Kaufzwang
Der türkischeTourismus hat zu kämpfen,
und das hauptsächlich selbstverschuldet,
mit seinem Image als Tiefpreis-
Ferienziel. Fast jeder kennt die
Reiseangebote zu Dumpingpreisen,
bei denen die Gruppen von einerVerkaufsveranstaltung
zur nächsten gelotst
werden. Und wenn keine Teppiche
und Souvenirs gekauft werden, ist
die Stimmung schnell am Boden. Deshalb
zeigt uns Gottbrecht dieTeppichknüpferei
Saklikent, bei der man
nichts kaufen muss, aber eine Menge
lernt über die alte Tradition des Wollspinnens
und des Seidenspinnens.
Der Direktor der Teppichknüpferei
spricht perfektes Hochdeutsch. Rhetorisch
versiert erklärt er den Prozess
des Seidenspinnens, um dann seine
Helfer einen Teppich nach dem anderen
schwungvoll aufrollen zu lassen.
Zum Schluss gibt es Raki, Tee und
kleine Snacks, und ein Mitglied einer
deutschen Reisegruppe zückt seine
Visa-Karte – der Teppich wird nach
einer Anzahlung frei Haus geliefert.
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