Die Südostschweiz | Mittwoch, 9. Juni 2010


Am stillen Rand der türkischen Riviera

Die Türkei, die klassische Destination für Billig- Ferien, hat nur noch wenige Ecken, wo sich der Massentourismus noch nicht durchgesetzt hat. Die Bucht vonn

Von Dirk Engelhardt (Text und Bilder)

«Vor 20 Jahren, als der Club hier entstand, waren in der Bucht von Fetiye nur ein Dutzend Lichter zu sehen», erzählt Adella, die im Club «Letoonia » arbeitet. Heute bietet sich dem Spaziergänger, der den Uferweg der Halbinsel entlangspaziert, ein wahres Lichtermeer. Trotzdem ist der Ort für Ferien in der Türkei zu empfehlen. Denn anders als an der türkischen Riviera, wo in den letzten 20 Jahren eine unüberschaubare Zahl riesiger Hotelanlagen entstand, dominieren in Fetiye kleine Pensionen; daneben gibt es ganze drei Clubanlagen. Eine davon ist der Club «Letoonia», der für seine Architektur im Stil traditioneller türkischer Dorfhäuser einen Architekturpreis gewonnen hat. Und obwohl der Club, wie die meisten türkischen Clubs, auf «all inclusive» umgestellt hat, verliert sich der sonst übliche Rummel, weil die Anlage auf der Halbinsel sehr weitläufig, hügelig und bewaldet ist. Eine Duftorgie ist der abendliche Spaziergang auf den Alleen, die von üppigem, rosa Oleander und lila und weissen Bougainvilleen gesäumt sind.

Die Gäste kommen vor allem aus Deutschland, Russland, England und dem Libanon. Israelis buchten den Club bis vor einigen Jahren auch sehr gerne, doch mittlerweile erlaubt das Management keine israelischen Gäste mehr. «Die haben sich zu sehr mit den Libanesen bekriegt, und oft mussten wir morgens die jeweiligen Flaggen der Länder aus den Pools fischen»; Adella verdreht die Augen, als sie davon berichtet. Für den Ferien-Kleinkrieg gibt es jetzt zwei würdige Nachfolgegenerationen: nämlich die Russen (meistgehörter Kommentar: «Die sind ja überall!») und die Deutschen. Auch jetzt landen wieder Flaggen im Swimmingpool, und es gibt entsprechende Kommentare auf den Bewertungsseiten im Internet.

Stille Ecken und Buchten
Wer sich demTreiben an der «Agora», so nennt sich der Hauptplatz der Anlage, entziehen will, findet genügend stille Ecken und Buchten, die oft mit Hängematten oder wippenden Liegen ausgestattet sind. Auch Restaurants mit 500 Tischen, keine Seltenheit in den Mega-Hotels an der türkischen Riviera, finden sich hier nicht. Dafür wartet das Resort mit Sushi-Restaurant, Fisch-Restaurant und einem türkischen Restaurant auf. Die Disco liegt in einem «Tempel» direkt an der Spitze der Halbinsel und ist täglich ab 23.30 Uhr geöffnet. Das Spa macht zwar einen gediegenen Eindruck – der Hamam ist, wie es sich gehört, ganz aus Marmor – doch die Massagen lassen Professionalität vermissen.

Die wahre Türkei findet ausserhalb der Mauern des Resorts statt.Wirklich entspannte türkische Gastronomie kann man im Restaurant «Yakapark» in Tlos erleben, rund 45 Kilometer von Fetiye entfernt. Das Open-Air- Restaurant ist unterhalb eines dichten Ahornwaldes gelegen. Zwischen den mächtigen Baumriesen, zumTeil auch aus Astlöchern, sprudelt und plätschert es an allen Ecken. Der Betreiber hat einenWildbach so umgeleitet, dass eine richtiggehende Wasserfall- Parklandschaft entstand, auf osmanische Art mit einfachen Mitteln improvisiert. Im Hochsommer ist das Restaurant eine echte Kälte-Oase – man sitzt im Schneidersitz auf dicken Kissen und lässt sich von feinen Wassernebeln kühlen. An den niedrigen Tischen wird die Spezialität des Hauses serviert: Forellen vom Grill. Der restauranteigene Teich liefert die frische Ware.

Das Restaurant ist auch der Geheimtipp der Deutschen Susanne Gottbrecht, die seit 15 Jahren in Fetiye lebt. Gottbrecht ist Freiluftfanatikerin, wie sie selbst gesteht, und das war auch ihr Grund, in dieTürkei auszuwandern. «Ich habe die ganze Türkei gesehen, doch die Gegend um Fetiye ist eindeutig die schönste», erzählt sie glaubhaft. Unsere Reisegruppe führt sie als Erstes auf einen Hügel oberhalb der Stadt, zu den antiken Königsgräbern. Sie stammen aus der Zeit, als hier das antike Termessos erbaut wurde.Auf Jahreszahlen will sich Gottbrecht aber nicht festlegen: Mit historischen Daten sei das in der Türkei so eine Sache. Da stehen in jedem Reiseführer und jedem Geschichtsband andere Zahlen, und am Ende sei man komplett verwirrt.Auch heutzutage können vieleTürken nicht mal ihren Geburtstag feiern, weil sie ihr Geburtsdatum nicht wissen. Geburtsurkunden wurden erst vor kurzem eingeführt, und auch nur in den grösseren Städten. Deshalb vermeidet Gottbrecht bei ihren Erklärungen jegliche historische Zahlen. Interessanter als die Zahlen wären sowieso die Geschichten und Geschichtchen, die sich um die antiken Orte rankten.

Islamische Sitzordnung
Einige erstaunte Gesichter gibt es, als sie im Bus von den türkischen Sitten zur Sitzordnung in öffentlichen Bussen zu erzählen beginnt. «Ein fremder Mann darf im Bus nicht neben einer Frau sitzen», sagt Gottbrecht, und scheint sich mit dieser Regelung abgefunden zu haben. Wenn ein Bus fünf freie Plätze neben Frauen hat und ein Mann mitfahren will, wird dieser nicht mitgenommen. Die Türkei sei schliesslich ein islamisch geprägtes Land, wenn auch immer weniger Bürger die Gebetszeiten und Fastenzeit einhalten, wie sie sagt.

Auch mit dem Handeln ist es nicht mehr weit her, jedenfalls nicht auf dem Basar von Fetiye. Ein normales T-Shirt soll 14 Euro kosten. Als ich acht Euro vorschlage, erwidert der Händler barsch auf Deutsch, ob ich wohl zu viel RTL 2 gesehen hätte. Für weniger als 13 Euro gibt der Händler das Hemd nicht her. Ein echter Meerschwamm zumWaschen wird vor dem Verkauf gewogen. Auch er soll satte 13 Euro kosten. «Der Chef ist gerade nicht da, ich kann ihn dir für elf Euro geben», flüstert mir der Händler verschwörerisch zu. Als ich abwinke, ist die Handelslust schnell gestorben. Dafür entschädigen die Restaurants, die sich um den kleinen Fischmarkt des Hafenortes gruppieren. «Sie kaufen, wir kochen», steht auf einerTafel. Man sucht sich also eine fangfrische Goldbrasse oder eine Dorade aus, und für fünf Euro bereitet das Restaurant daraus ein Mittagessen mit Beilagen und Getränken.

Teppichschau gibts auch ohne Kaufzwang
Der türkischeTourismus hat zu kämpfen, und das hauptsächlich selbstverschuldet, mit seinem Image als Tiefpreis- Ferienziel. Fast jeder kennt die Reiseangebote zu Dumpingpreisen, bei denen die Gruppen von einerVerkaufsveranstaltung zur nächsten gelotst werden. Und wenn keine Teppiche und Souvenirs gekauft werden, ist die Stimmung schnell am Boden. Deshalb zeigt uns Gottbrecht dieTeppichknüpferei Saklikent, bei der man nichts kaufen muss, aber eine Menge lernt über die alte Tradition des Wollspinnens und des Seidenspinnens. Der Direktor der Teppichknüpferei spricht perfektes Hochdeutsch. Rhetorisch versiert erklärt er den Prozess des Seidenspinnens, um dann seine Helfer einen Teppich nach dem anderen schwungvoll aufrollen zu lassen. Zum Schluss gibt es Raki, Tee und kleine Snacks, und ein Mitglied einer deutschen Reisegruppe zückt seine Visa-Karte – der Teppich wird nach einer Anzahlung frei Haus geliefert.