Berliner Morgenpost 12.07.2002

Andalusiens Seele im Tanz
Flamenco ist Liebe, Leidenschaft und Temperament - getanzt wird auch in Berlin


Von Dirk Engelhardt
Absätze klackern rhythmisch auf den Boden, Körper drehen sich elegant um die eigene Achse: in Flamenco-Schulen proben Schüler das Carmen-Feeling.

Wenn das Wort «Flamenco» fällt, schießen dem deutschen Spanientouristen vor allem solche Bilder in den Kopf: sich drehende Frauen mit weiten schwarz-roten Röcken, streng zurückgekämmten Haaren und harten Lederschuhen, die im Takt auf dem Parkett klacken, als hämmerten sie Nägel in den Boden. Dazu lockende, kreisende Handbewegungen und Blicke, die von Liebe und Eifersucht, Besitz und Freiheit künden. Dazu Männer, die am Rand der Tanzfläche stehen und mit den Händen den Takt klatschen, singen oder Gitarre spielen. Mit einem Wort: Carmen.

Dass Flamenco in Berlin auf eine treue Fangemeinde bauen kann, zeigen gutbesuchte Gastspiele wie Auftritte des Ballett Teatro Espanol de Rafael Aguilar, oder, etwas weniger folkloristisch, das jährlichen Flamenco-Festival auf dem Pfefferberg, wo schon mal Legenden wie Agustin de la Fuente oder El Torombo auftreten. Im vergangenen Jahr zählten die Veranstalter dort mehr als 5000 Besucher und Workshopteilnehmer. Bei den Stars gibt es übrigens - im Gegensatz zur Schülerstruktur in den Flamenco-Schulen - mehr männliche als weibliche Tänzer.

«Das Alter ist nicht entscheidend, sondern allein Offenheit und Neugier», sagt die 29-jährige Jutta Forkel. Vor elf Jahren war sie zum ersten Mal bei einer Flamenco-Aufführung, und von dieser Nacht an ließ sie der Tanz nicht mehr los. Woher das Wort «Flamenco» stammt? «Da gibt es die wildesten Theorien», so Jutta Forkel. Manche vermuten, es stamme aus dem Arabischen. Dort bedeutet fel-lah-mangu so viel wie säuseln. Die Musik, die mit der akustischen Gitarre aus Zypressenholz ihren typischen Klang erhält, und durch den rauchigen Gesang unverwechselbar wird, zog sie in ihren Bann. Die Texte, die meist von Wut und Schmerz und Freude handeln, verstand Jutta Forkel erst später.

Sie besuchte mehrere Kurse, perfektionierte die «zapateado», was soviel wie Fußarbeit bedeutet, und gibt jetzt in ihrem eigenen Studio, «Marcao», in Neukölln Flamenco-Kurse.

«Das erste, was Flamenco-Schüler lernen, sind die typischen Fingerbewegungen und die Bewegungen aus dem Handgelenk. Für den Anfang eignen sich die spanischen Sevillana-Tänze sehr gut. Dann kommen die allgemeinen Tanztechniken, die Drehungen und die Orientierung im Raum», sagt sie. Später lernen die Schüler «bulerias», die spanischen Fiesta-Tänze, die Tangos, was überhaupt nichts mit dem argentinischen Tango zu tun hat, und natürlich die Klatschtechnik, die Kontrapunkte zum 4er oder 12er Takt setzen. An Ausrüstung braucht ein Anfänger nicht viel: Frauen benötigen stabile Schuhe mit einfachen Riemchen und mit Nägeln in der Sohle (für den klackenden Tanzschritt). Sie kosten zwischen 50 und 100 Euro.

Für Männer gibt es Stiefeletten. «Accessoires wie der Fächer, Kastagnetten, maßgeschneiderte Kleider sind für den Anfang nicht nötig», sagt Forkel. Nur ein wenig Kondition - und eine Wasserflasche brauchen die Anfänger. Denn Flamenco ist eine schweißtreibende Angelegenheit und nicht zu vergleichen mit Salontänzen wie Foxtrott oder Walzer.