Berliner Zeitung 25.01.2005

Das Loch in den Highlands

Wo Johnnie Walker zu Hause ist: eine Erkundungsreise zu den Quellen des Whiskys

EDINBURGH, im Januar. "Zitrone". "Torf". "Süßholz". "Toffee". "Paprika". "Nelke". Ein Drink, der offenbar die Fantasie anregt. "Noch was?" fragt Ian Williams, Manager im "Home of Johnnie Walker at Cardhu" und gleichzeitig Whisky-Vorkoster, in die Runde. Eine eher rhetorische Frage, denn auf der grünen Schiefertafel, auf der Williams die Geschmacksnoten der Besucher für den Whisky notiert, ist kein Platz mehr für weitere Eintragungen. Und eigentlich sind sie auch gar nicht nötig. Denn am Ende der Verkostung im Probierzimmer der Destillerie verrät Williams seinen Whisky-Eleven: "Jeder von Ihnen hat Recht mit seiner Bewertung. Ich halte gar nichts von den großen Whisky-Kennern, die wortreich und hochgestochen Geschmacksnoten von Whiskysorten beschreiben."

Die Art des Genießens

Die Besucher gucken sich vielsagend an - so "easy" hatte man sich den Besuch in einer der bekanntesten Whisky-Destillerien der Welt nicht vorgestellt, schon gar nicht, als der verschlossen dreinblickende, bärtige Williams die Gruppe am leuchtend rot gestrichenen Eingangsportal des Johnnie-Walker-Hauptsitzes auf die schottische, also nicht gerade überschwängliche Art begrüßte. Ganz easy sieht Williams auch die Art, Whisky zu genießen. Mit Quellwasser? Mit Eis? Gar mit Coca-Cola? "Trinken Sie den Whisky so, wie er Ihnen am besten schmeckt", so der Pragmatiker Williams. Allerdings gibt er noch den Tipp, bei bestimmten Sorten auf jeden Fall Wasser beizumischen: Das gibt dem Aroma mehr Platz, sich zu entfalten.

Das "Home of Johnnie Walker" richtete der Konzern in Cardhu ein, einem idyllischen Flecken inmitten der Speyside, umzingelt von Destillerien wie Glen Spey, Craigollachie, Glenfiddich, Allt A'Bhainne und ähnlich unaussprechlichen Orten mehr. Wie bei anderen Brennereien auch, hat hier der Direktverkauf, die Imagebildung durch Besucherführungen und der "Devotionalienverkauf" in letzter Zeit an Bedeutung gewonnen. Whisky ist die wichtigste Geldquelle für Schottland - schließlich ist Scotch Whisky die meistverkaufte Spirituose der Welt. Cardhu, im Jahre 1811 gegründet, war übrigens die erste Single Malt Distillery überhaupt, die von einer Frau geführt wurde - das Portrait von Elizabeth Cumming hängt denn auch großformatig in der Eingangshalle.

Dass Whisky gesprächig macht, merkt man deutlich, als die Besucher sich nach der Verkostung auf eine Wanderung zur "Whisky-Quelle" am nahe gelegenen Mannoch Hill begeben, eine Ehre, die nur ausgewählten Besuchergruppen widerfährt. Man will keinen Trubel dort oben. Über holprige, einsame Pfade geht es über meterdick mit Moos bewachsene Hochland-Hügel, unter denen das Moor manchmal quietscht, in die Einsamkeit der Highlands.

Die Gruppe folgt Wanderführer Williams im Gänsemarsch, bis dieser vor einem unscheinbaren, runden Loch in der Erde stehen bleibt. Das soll die berühmte Quelle sein, aus der das kostbare Nass für die edle Whisky-Marke sprudelt? Kein Schild, kein Stacheldraht, keine Absperrungen. "Bei uns in Deutschland würde man das sofort einzäunen. Was wäre denn, wenn einer hier reinpinkelt?" fällt einem sofort dazu ein.

Schöner als jeder Werbespot

Williams tut, als hätte er nichts gehört. Er holt Pappbecher aus einer Tasche und verteilt Proben vom kostbaren Nass. Kühles, sauberes Quellwasser, das im Hochschwarzwald eigentlich nicht viel anders schmeckt. Passiert sei hier noch nie etwas, sagt er dann später, und bittet alle, sich einen bequemen Platz auszusuchen, sich hinzusetzen, still zu sein und den Blick über die Highlands schweifen zu lassen. Natur pur, bis auf ein paar winzige Gehöfte in der Ferne - Destillerien natürlich, was sonst. "Whenever you drink a Whisky, remember this peaceful atmosphere", gibt er dann noch mit auf den Weg, man möge sich an diese Atmosphäre erinnern, wann immer man seinen Whisky trinkt. Kein Werbespot der Welt könnte diese Botschaft schöner vermitteln.