Die Welt | Samstag, 17. April 2010


Barcelona ins Netz gegangen

Kataloniens Hauptstadt mal nicht mit dem Reiseführer entdecken, sondern mit dem Web und dem Netbook

Von Dirk Engelhardt

Sich in der Buchhandlung einen Reiseführer für den Urlaub zu kaufen, um vorher darin zu schmökern und erste Pläne zu schmieden, das macht Spaß. Und Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude. In Zeiten des Web 2.0 ist das Ganze aber auch interaktiv möglich – und ungleich spannender. Sofern man die Landessprache beherrscht, kann man sich auf Webseiten des Zielgebiets über aktuelle Events informieren, die nicht in Reiseführern gelistet sind, sich in Foren mit Einheimischen austauschen und diese im Idealfall sogar persönlich treffen.

Sehr praktisch für diesen Zweck ist ein Netbook, die kleine und leichtere Schwester des Notebooks, das man praktisch in der Handtasche oder im Rucksack überallhin mitnehmen kann. Die meisten Hotels und einige Restaurants verfügen über WLAN, sodass der Empfang ins World Wide Web sichergestellt ist. Für ein Wochenende in Barcelona soll es eine Führung durch das Stadtzentrum sein, durch die Gassen der Altstadt. Außerdem wollte ich gute Restaurants kennenlernen, Tapas essen und abends Swing tanzen.

Über eine Community lernte ich Raúl kennen, einen Argentinier, der schon mehr als fünf Jahre in Barcelona lebt. Raul ist Weltenbummler, per E-Mail schickte er mir gleich Fotos seiner Reisen rund um den Erdball zu. „Barcelona wird Dir gefallen“, schrieb er, „und ich hoffe, wir treffen uns, und Du gibst nicht den chicas, die Dich anschreiben, den Vorzug.“ Unser Treffpunkt ist das Restaurant „Agua“, gelegen am Passeig Marítim de la Barceloneta, dem Stadtstrand von Barcelona. Mit Blick auf die Playa, an der asiatische Masseurinnen Badegästen den öligen Rücken abklopfen, erzählt mir Raúl von seinem Job als Restaurateur und von den vielen Events der Stadt. Der Restauranttipp entpuppt sich als höchst empfehlenswert. Obwohl rappelvoll, ist der Service aufmerksam, und der leicht angebratene Bonito – eine Thunfischart – auf Guacamole ein Traum. Dazu ein Glas Rosé für zwei Euro – ein schöner Beginn eines Städtetrips.

Dass Barcelona zurzeit boomt, ist nicht zu übersehen. Im gesamten Hafenviertel herrscht Trubel wie auf einem Volksfest, und die „Hop-on-hop-off“-Busse, die alle fünf Minuten vorbeifahren, sind gefüllt wie Sardinenbüchsen. Auf der Rambla stehen die eingefärbten Verkleidungskünstler, inzwischen Standardrepertoire jeder Fußgängerzone, im Abstand von fünf Metern, und knipsende Touristenmassen schieben sich vorbei. Die größten Trauben bilden sich um ein Ronaldinho- Double, das gegen Münzabgabe recht gelenk mit dem Ball zaubert – sogar auf einer Stehleiter. Julius Cäsar und Mona Lisa hingegen sind Schnee von gestern, ein cooler Cowboy – ganz in Gold – zieht zum Entzücken weiblicher Passanten seinen Colt mit einer sexy Geste. Wir schlendern durchs gotische Viertel, mit seinen düsteren, leicht muffigen Gassen ein Teil des fast vergessenen, alten Barcelonas. Touristische Trampelpfade zur Sagrada Família, dem Poble Espanyol oder zur Casa Milà lasse ich diesmal außen vor.

In der „Travel Bar“ in einer Seitenstraße der Rambla gibt es freies WLAN. Ich bestelle einen Cortado, einen kleinen Café mit Milch, logge mich ein und plane den Abend. Heute, am Samstag, verzeichnet das Swing-Forum ganze fünf Tanztermine, und ich habe die Qual der Wahl. Die „Gran Festa de Swing“ im „Dio-Club“ hört sich gut an, der Eintritt kostet nur einen symbolischen Euro. Sympathisch! Der Tanzsaal, gelegen in einer umgebauten alten Fabrikhalle, ist schon um halb elf mit Swingtänzern gut gefüllt. Es sind allesamt Einheimische, man spricht – wie überall in Barcelona – Katalanisch. Wie so oft bei Tanzveranstaltungen sind die Damen in der Überzahl und warten sehnsüchtig am Rand der Tanzfläche, aufgefordert zu werden. Der Held des Abends ist ein 70-jähriger, grauhaariger Katalane, der scheinbar sein Leben lang Swing tanzte und der den ganzen Abend von tanzwütigen jungen Damen in Schach gehalten wird. Was dem drahtigen Alten aber offensichtlich viel Vergnügen bereitet.

Überraschung dann um halb drei in der U-Bahn (die am Wochenende in Barcelona die ganze Nacht fährt): Es herrscht ein Ambiente wie im Film „L’Auberge Espagnole“, man ist umringt von deutschen Studenten und Studentinnen, die ausgelassen das Nachtleben Barcelonas zelebrieren.

Dass virtuelle Verabredungen manchmal nur virtuell bleiben, muss ich am nächsten Tag erleben. Die kostenlose Stadtführung, die um 15 Uhr an der Rambla, Ecke Plaça Catalunya, starten soll, ist wohl heute ausgefallen. Die „Free Tour“ war an sich eine schöne Idee – eine Stadtführung von Architekturstudenten, bei der am Ende jeder das gibt, was er für angemessen hält. Ich bin, zugegebenermaßen, etwas enttäuscht. Und kann meinen Frust nicht mal bei einer Person ablassen, sondern nur mit heißen Fingern auf den kühlen Tasten des Netbooks. Und das antwortet mir leider nicht ...

Auskunft:
www.spain.info
www.barcelonaturisme.com
www.barcelona-tourist-guide.com.