Barcelona ins Netz gegangen
Kataloniens
Hauptstadt mal
nicht mit dem
Reiseführer
entdecken, sondern
mit dem Web und
dem Netbook
Von Dirk Engelhardt
Sich in der Buchhandlung
einen Reiseführer für
den Urlaub zu kaufen,
um vorher darin zu
schmökern und erste Pläne
zu schmieden, das macht Spaß.
Und Vorfreude ist ja bekanntlich
die schönste Freude. In Zeiten des
Web 2.0 ist das Ganze aber auch interaktiv
möglich – und ungleich
spannender. Sofern man die Landessprache
beherrscht, kann man
sich auf Webseiten des Zielgebiets
über aktuelle Events informieren,
die nicht in Reiseführern gelistet
sind, sich in Foren mit Einheimischen
austauschen und diese im
Idealfall sogar persönlich treffen.
Sehr praktisch für diesen Zweck
ist ein Netbook, die kleine und
leichtere Schwester des Notebooks,
das man praktisch in der
Handtasche oder im Rucksack
überallhin mitnehmen kann. Die
meisten Hotels und einige Restaurants
verfügen über WLAN, sodass
der Empfang ins World Wide Web
sichergestellt ist. Für ein Wochenende
in Barcelona soll es eine Führung
durch das Stadtzentrum sein,
durch die Gassen der Altstadt. Außerdem
wollte ich gute Restaurants
kennenlernen, Tapas essen und
abends Swing tanzen.
Über eine Community lernte ich
Raúl kennen, einen Argentinier,
der schon mehr als fünf Jahre in
Barcelona lebt. Raul ist Weltenbummler,
per E-Mail schickte er
mir gleich Fotos seiner Reisen rund
um den Erdball zu. „Barcelona wird
Dir gefallen“, schrieb er, „und ich
hoffe, wir treffen uns, und Du gibst
nicht den chicas, die Dich anschreiben,
den Vorzug.“ Unser Treffpunkt
ist das Restaurant „Agua“,
gelegen am Passeig Marítim de la
Barceloneta, dem Stadtstrand von
Barcelona. Mit Blick auf die Playa,
an der asiatische Masseurinnen Badegästen
den öligen Rücken abklopfen,
erzählt mir Raúl von seinem
Job als Restaurateur und von
den vielen Events der Stadt. Der
Restauranttipp entpuppt sich als
höchst empfehlenswert. Obwohl
rappelvoll, ist der Service aufmerksam,
und der leicht angebratene
Bonito – eine Thunfischart – auf
Guacamole ein Traum. Dazu ein
Glas Rosé für zwei Euro – ein schöner
Beginn eines Städtetrips.
Dass Barcelona zurzeit boomt,
ist nicht zu übersehen. Im gesamten
Hafenviertel herrscht Trubel
wie auf einem Volksfest, und die
„Hop-on-hop-off“-Busse, die alle
fünf Minuten vorbeifahren, sind
gefüllt wie Sardinenbüchsen. Auf
der Rambla stehen die eingefärbten
Verkleidungskünstler, inzwischen
Standardrepertoire jeder Fußgängerzone,
im Abstand von fünf Metern,
und knipsende Touristenmassen
schieben sich vorbei. Die größten
Trauben bilden sich um ein Ronaldinho-
Double, das gegen
Münzabgabe recht gelenk mit dem
Ball zaubert – sogar auf einer Stehleiter.
Julius Cäsar und Mona Lisa
hingegen sind Schnee von gestern,
ein cooler Cowboy – ganz in Gold –
zieht zum Entzücken weiblicher
Passanten seinen Colt mit einer sexy
Geste. Wir schlendern durchs
gotische Viertel, mit seinen düsteren,
leicht muffigen Gassen ein Teil
des fast vergessenen, alten Barcelonas.
Touristische Trampelpfade zur
Sagrada Família, dem Poble Espanyol
oder
zur Casa Milà
lasse ich diesmal
außen
vor.
In der „Travel
Bar“ in einer
Seitenstraße
der
Rambla gibt
es freies
WLAN. Ich
bestelle einen
Cortado, einen
kleinen
Café mit
Milch, logge
mich ein und
plane den
Abend. Heute,
am Samstag, verzeichnet das
Swing-Forum ganze fünf Tanztermine,
und ich habe die Qual der
Wahl. Die „Gran Festa de Swing“ im
„Dio-Club“ hört sich gut an, der
Eintritt kostet nur einen symbolischen
Euro. Sympathisch! Der
Tanzsaal, gelegen in einer umgebauten
alten Fabrikhalle, ist schon
um halb elf mit Swingtänzern gut
gefüllt. Es sind allesamt Einheimische,
man spricht – wie überall in
Barcelona – Katalanisch. Wie so oft
bei Tanzveranstaltungen sind die
Damen in der Überzahl und warten
sehnsüchtig am Rand der Tanzfläche,
aufgefordert zu werden. Der
Held des Abends ist ein 70-jähriger,
grauhaariger Katalane, der scheinbar
sein Leben lang Swing tanzte
und der den ganzen Abend von
tanzwütigen jungen Damen in
Schach gehalten wird. Was dem
drahtigen Alten aber offensichtlich
viel Vergnügen bereitet.
Überraschung dann um halb drei
in der U-Bahn (die am Wochenende
in Barcelona die ganze Nacht
fährt): Es herrscht ein Ambiente
wie im Film „L’Auberge Espagnole“,
man ist umringt von deutschen Studenten
und Studentinnen, die ausgelassen
das Nachtleben Barcelonas
zelebrieren.
Dass virtuelle Verabredungen
manchmal nur virtuell bleiben,
muss ich am nächsten Tag erleben.
Die kostenlose Stadtführung, die
um 15 Uhr an der Rambla, Ecke Plaça
Catalunya, starten soll, ist wohl
heute ausgefallen. Die „Free Tour“
war an sich eine schöne Idee – eine
Stadtführung von Architekturstudenten,
bei der am Ende jeder das
gibt, was er für angemessen hält.
Ich bin, zugegebenermaßen, etwas
enttäuscht. Und kann meinen Frust
nicht mal bei einer Person ablassen,
sondern nur mit heißen Fingern
auf den kühlen Tasten des
Netbooks. Und das antwortet mir
leider nicht ...
Auskunft:
www.spain.info
www.barcelonaturisme.com
www.barcelona-tourist-guide.com.
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